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Die Kunst des Aushaltens: Warum den Raum zu halten die tiefste Form der Liebe ist

  • Marina Krauer-Stöckli
  • 30. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

In unserer heutigen Gesellschaft muss alles schnell gehen. Effizienz, Funktionieren und Tempo bestimmen oft den Takt – leider auch im Familienalltag. Wenn unsere Kinder von heftigen Emotionen überrollt werden, ist unser erster Reflex als Eltern meistens:


Fixen, beruhigen, ablenken.


Schnell ein Keks, ein Spielzeug oder ein gut gemeintes „Ist doch gar nicht so schlimm!“, nur damit die Tränen versiegen und die Situation sich auflöst. Doch was, wenn wir den Kindern damit eine der wichtigsten Lektionen fürs Leben nehmen?


Das Missverständnis: Raum halten ist nicht „antiautoritär“

Inspiriert von Ansätzen wie dem Gentle Parenting oder koreanischen Erziehungsformen rückt eine Fähigkeit in den Fokus, die in unserer westlichen Kultur selten gelernt wird: Das reine Aushalten.


Es bedeutet, in der Krise des Kindes einfach nur da zu sein. Nicht einzugreifen. Nicht zu beschwichtigen. Dem Kind mit der reinen Präsenz die Sicherheit zu vermitteln: „Du bist sicher. Du bist gut so, wie du bist – auch mit deiner Wut, deiner Trauer oder deinem Frust.“


Viele verwechseln diese Form des Raumhaltens mit Passivität oder antiautoritärer Erziehung. Doch davon sind wir meilenweit entfernt. Antiautoritäre Erziehung lässt das Kind mit seinen Gefühlen allein. Den Raum zu halten ist das exakte Gegenteil: Es ist die aktivste, kraftvollste und oft anstrengendste Form der Begleitung. Du bist der sichere Fels in der Brandung.


Warum Selbstregulation einen festen Boden braucht

Wir wundern uns oft, warum es der nachfolgenden Generation manchmal an Ausdauer, Biss oder Frustrationstoleranz fehlt. Doch die Antwort liegt in der Kindheit: Wenn ein Kind nie lernen darf, unangenehme Gefühle schrittweise auszuhalten, weil es sofort abgelenkt wird, wie soll es sich später als Erwachsener selbst regulieren?


Selbstregulation entsteht immer zuerst durch Co-Regulation.

Ein Kind lernt erst dann, sich selbst zu beruhigen, wenn es hunderte Male erlebt hat, dass sein Nervensystem an einem ruhigen, stabilen Nervensystem der Eltern andocken durfte. Ohne Druck. Ohne Bedingungen.


Zeit für eine Neuausrichtung

Es braucht Mut, den Erwartungen der Gesellschaft zu trotzen und die Tränen oder die Wut des eigenen Kindes einfach mal „auszuhalten“, ohne sofort einzugreifen. Aber genau hier entsteht wahre Verbundenheit. Wenn wir unseren Kindern den Raum schenken, sich in ihrer Ganzheit zu erfahren, legen wir das Fundament für starke, resiliente und in sich ruhende Erwachsene.

 
 
 

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